Krankheitssignale

Diagnose auf den ersten Blick

Schon die Heiler in der Antike wussten, dass Haut, Falten, Lider oder Lippen viel über die Gesundheit verraten

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Diesen Satz kennt wohl jeder. »Du siehst schon viel besser aus«, hören wir etwa nach einer Grippe. Oder auch: »Du siehst krank aus.« Ein Blick ins Gesicht, und unsere Umwelt weiß Bescheid. Aber wie erkennen Menschen das? Und: Lassen sich innere Krankheiten tatsächlich im Gesicht ablesen?

Urtalent. »Wir können offenbar Krankheitszeichen an Haut, Mund und Augen bereits in einem frühen Stadium einer Infektion erkennen«, urteilt nach einer Studie der schwedische Schlafforscher John Axelsson, Professor an der Universität Stockholm. Diese Fähigkeit scheint evolutionär überlebenswichtig gewesen zu sein: Wer etwa in der Steinzeit infektiöse Gruppenmitglieder mied, steckte sich nicht an oder konnte so frühzeitig helfen, dass sich die Krankheiten nicht weiter verbreiten konnten.

Gesichts-Check. Auch in der Neuzeit mit Hightechdiagnostik durch CT, MRT oder Ultraschall ist der genaue Blick ins Gesicht eines Patienten für Mediziner ein wichtiges Diagnoseinstrument. »Zusammen mit der Krankenvorgeschichte, den Beschwerden und der körperlichen Untersuchung kann man damit mehr als die Hälfte aller Diagnosen stellen«, berichtet der Münchner Internist Professor Dr. Thomas Löscher, Experte für Reisemedizin und Infektionskrankheiten. Der Grund: »Wer eine Infektion hat, hat meist einen trüben Blick, gerötete Bindehäute und
einen blassen Teint. Das Gesicht eines Kindes etwa verrät dem Arzt oft schon vor dem Bluttest oder vor dem Auftauchen des typischen Hautausschlags, ob das Kind gerade Masern bekommt.«

Auch weitere Warnsignale im Gesicht kennt fast jeder Arzt: Wer Lidschwellungen, aber kein Fieber hat, leidet womöglich an bestimmten Nierenerkrankungen; bläuliche Lippen weisen meist auf Herzinsuffizienz oder Lungenprobleme hin. »Ein geschulter ärztlicher Blick bei der Diagnosesuche«, sagt der Professor, »lässt sich auch nicht durch Hightechcomputer ersetzen.« Und das lesen Mediziner im Gesicht ihrer Patienten.

 

Augenlid oben

SOS-Signale: Ohne akute Entzündung durch Flüssigkeitsansammlung aufgequollenes Oberlid (Lidödem).
Ursachen: Häufig ist eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache. Sind Herz- oder Nierenerkrankungen beteiligt, ist meist auch der Bereich unterhalb des Augenlids aufgequollen. Bei einer Allergie sind gleichzeitig die Augen gerötet, tränen, und die Nase läuft.
Abhilfe: In jedem Fall beim Internisten auf Herz und Nieren bzw. auf Schilddrüsen­störungen untersuchen lassen. Kalte Kompressen oder gekühlte, zuvor aufgekochte Schwarzteebeutel wirken abschwellend und drucklindernd.

 

Augenlid unten

SOS-Signale: Schwellungen, eine dunkle Hautschattierung unter dem unteren Augenlid sowie tiefe Tränensäcke deuten auf Stoffwechselprobleme und organische Erkrankungen (Herz, Nieren) hin.
Ursachen Kleine Säckchen etwa einen Zentimeter unter dem Auge könnten auf einen Nierenstau hinweisen. Bei tiefer liegenden dunklen Tränensäcken kann auch eine Darmerkrankung vorliegen.
Abhilfe: Bei anhaltender Schwellung: Blut-, Urin- und Herzcheck beim Arzt durchführen lassen. Allergietests sind sinnvoll, wenn auch Heuschnupfensymptome vorhanden sind. Bei sporadischen Lidschwellungen: Teebeutel (schwarzer, grüner Tee)aufkochen, abkühlen, fünf bis 15 Minuten auf die Lider legen. Wirkt adstringierend und abschwellend.

 

Augenbrauen

SOS-Signale: Die Augenbrauen wirken plötzlich dünner, oder es fallen gehäuft Härchen aus. Oder die Haut rund um die Brauen ist schuppig und juckt.
Ursachen: Fallen vor allem im hinteren Drittel Härchen aus, liegt vermutlich eine Unterfunktion der Schilddrüse vor. Auch Hormonveränderungen, etwa in den Wechseljahren, können zur Ausdünnung der Brauen führen; das gilt auch für Mangel an Zink, Kupfer oder Eisen. Schuppt die Haut um die Brauen: Schuppenflechte oder Pilzinfektion sind möglich.
Abhilfe: Mineralstoffversorgung, Schilddrüsenfunktion und Stoffwechselpara­meter per Bluttest checken lassen. Hausmittel: Einreiben mit Rizinusöl (Apotheke) kann den Haarwuchs wieder anregen.

 

Augenweiß (Sklera)

SOS-Signale: Das Augenweiß wirkt trübe, glasig oder glänzend; es kann dauergerötet oder gelblich verfärbt sein.
Ursachen: Die Sklera (Lederhaut) ist die derbe weiße Außenhaut des Auges. In­fektionen im Körper lassen sie trübe oder verfärbt erscheinen. Eine leichte Gelbfärbung deutet auf Leber- und Gallenprobleme hin – dann ist meist aber auch die Haut leicht gelblich gefärbt. Eine rötliche Verfärbung kann auf Immunprozesse und Entzündungen im Körper hindeuten. Auch bei Allergien und einer Histamin­intoleranz röten sich die Augen. Ursache für stark glänzende Augen könnte eine Überfunktion der Schilddrüse sein.
Abhilfe: Anhaltende Trübung oder Verfärbung: zum Arzt gehen, Entzündungs-, Leber- und Schilddrüsenwerte prüfen lassen. Leichte Reizung: Augenkompressen mit Augentrost-Sud bringen Linderung.

 

Mund-Nasen-Falte

SOS-Signale: Tiefe Falten rechts und links der Nase bis um den Mund herum, die mit trockenen, rissigen Lippen einhergehen, sind für Ärzte ein typisches Zeichen für Magenschleimhautentzündung (Gastritis) oder Magengeschwüre.
Ursachen: Vermutet wird, dass eine chronische Entzündung auch zu einer Übersäuerung des Bindegewebes führt, was die Faltenbildung fördert. Mögliche Ursachen: Helicobacter-pylori-Infektion, Zöliakie, Nahrungsmittelintoleranzen.
Abhilfe: Liegen zugleich auch Magen­probleme (Sodbrennen, Schmerzen) vor: beim Gastroenterologen abklären lassen.

 

Lippen

SOS-Signale: Sie können blass, bläulich, glänzend und gerötet (»Lacklippen«) sein.
Ursachen: Blasse oder bläuliche Lippen deuten auf einen gestörten Sauerstofftransport hin. Grund dafür können Eisenmangel (z. B. als Folge einer Darmerkrankung), Herzleiden oder Durchblutungsstörungen sein. Glänzen Lippen wie lackiert und wirken auffällig rot, kann eine Leberzirrhose der Grund sein.
Abhilfe: Immer abklären lassen. Finden die Ärzte nichts: mehr an der frischen Luft bewegen, mehr eisenhaltige Nahrungsmittel (Fleisch, Eier, Spinat) essen.

 

Mundwinkel

SOS-Signale: Anhaltende Risse im Mundwinkel; die Risse verkrusten und entzünden sich. Bläschen wie beim Lippenherpes sind meist nicht vorhanden.
Ursachen: Möglich sind ein Mangel an Eisen, Zink, Vitamin C oder Vitamin B2 (Riboflavin). Auch eine Infektion mit Candida-Hefepilzen ist denkbar.
Abhilfe: Blutuntersuchung beim Inter­nisten. Liegt eine Eisenmangelanämie vor, muss die Ursache gesucht werden. Denkbar sind z. B. chronische Entzündungen der Magen- oder Darmschleimhaut.

 

Wangen/Haut

SOS-Signale: Rötung, erweiterte Äderchen oder Hautknötchen deuten auf Stoffwechselprobleme hin. Besonders dann, wenn sich die Probleme während oder nach dem Essen verstärken.
Ursachen: Ständig erweiterte Äderchen und gerötete Wangen können ein Indiz für zu hohen Alkoholkonsum sein; sprießen auch Hautknötchen: Rosacea (Röschenflechte). Falten und blassgraue Haut unterhalb des Jochbeins deuten auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten hin. Auch Atemwegsprobleme sind möglich.
Abhilfe: Problem zunächst mit dem Hautarzt besprechen. Allergien und Nahrungsintoleranzen abklären. Häufiger frisch kochen und Fertiggerichte reduzieren.

 

Kinn

SOS-Signale: Hautunreinheiten, Verfärbungen, Schwellungen oder Falten.
Ursachen: Für Naturheilkundler steht das Kinn für den Zustand von Gebärmutter und Prostata. Rötungen, Schwellungen und Unreinheiten gelten als Indiz für eine gestörte Hormonbalance. Schwellungen weisen zudem auf Probleme mit Nieren oder Darm hin. Eine Querfalte gilt als Zeichen für Venen-/Bindegewebsschwäche.
Abhilfe: Beim Gynäkologen/Urologen durch­checken lassen. Gesichtsmasken mit Bentonit oder Aktivkohle beruhigen, entfernen Talg und überschüssiges Fett

 

Erstellt am 23.05.18

Artikel von Marion.Meiners verfasst
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